Die hohe Kunst des Tablett-Entbröselns
Auf der Suche nach einer leckeren Kleinigkeit verirrte ich mich kürzlich in einen dieser SB-Billig-Bäcker.
In der Ecke kämpft sich der DAX einsam über einen Flatscreen, während der SB-Bäcker-Chef hinter der SB-Theke einem ca. 14-jährigen unförmigen Schülerpraktikanten, der sich auch gut als Teigtasche in der Auslage gemacht hätte, die Herstellung von Zuckerguß erklärt. Seine wesentlichen Punkte unterstreicht er mit einer Laugenstange, die er zeptermäßig in der Hand hält. Ansonsten gähnende Leere.
Als ich den Laden betrete, hat sich die Kassiererin gerade überlegt, die kundenlose Zeit mit dem Entbröseln der roten Plastiktabletts, die unter dem Schild “Gebraucht” neben der Tür abgestellt wurden, zu überbrücken. Ich gehe in Richtung Theke und scanne die Auslage.
In diesem Moment tritt ein Phänomen ein, über das Kassiererinnen vermutlich abendfüllend referieren können. Binnen Sekunden ist das Ladenlokal plötzlich brechend voll. Ich vermute einen Flash Mob. Da ich in Hamm bin, entscheide ich mich dann aber doch für den Beginn der Mittagspause bei den Stadtwerken.
Zwischen den Anzugärmeln, die sich vom Hunger getrieben von links und rechts ins Bild drängen, visiere ich ein mit Kräuter-Frischkäse gefülltes Laugencroissant an, greife mit meiner Selbstbedienungszange gezielt zu und kann in letzter Sekunde die Zange des Schlips’ neben mir ausstechen.
An der Kasse bildet sich inzwischen eine Schlange.
Die Kassiererin, die immer noch mit ihrem Entbröselungs-Handfeger beim “Gebraucht-Schild” steht, hat den klassischen “Das-gibt’s-doch-gar-nicht-und-wer-entbröselt-nun-meine-Tabletts?”-Ausdruck im Gesicht.
In letzter Sekunde fällt ihr die 14-jährige Teigtasche ein.
“Saschaaa! Haste nix zu tun?”
Sascha blickt vom Laugenstangen-Zepter, das er bis zu diesem Moment den Ausführungen seines Chefs lauschend fixiert hatte zu ihr rüber. Alle anderen blicken zu Sascha rüber.
“Dann mach hierma weita die Tabletts sauber!”
Pflichtbewußt trabt die Teigtasche, deren bürgerlichen Namen nun der ganze Laden kennt, zum “Gebraucht-Schild”.
“Hier. Nimm das und mach so.”
Mit der für ein Referat in einem mittelgroßen Raum angemessenen Lautstärke weist die Kassiererin Sascha in die Besonderheit des Tablett-Entbröselns ein.
“Nein. Nicht so. Du musst den Besen so halten. Und das Tablett so.” Mit rotem Kopf korrigiert Sascha seine Technik entsprechend der Pantomime der Kassiererin.
Die Schlange wächst weiter und die Kassiererin eilt an ihren Platz.
Sascha entbröselt das erste Tablett technisch einwandfrei und trägt es vom “Gebraucht-Schild” zum “Frisch-Schild”.
“Da musste aber nich jedes Tablett einzeln hintragen!”
Die Lautstärke der Kassiererin reicht nun schon für die Rede auf einer Wahlkampf-Veranstaltung. Die Schlange guckt rüber zu Sascha. Sascha guckt auf Boden vor dem “Frisch-Schild”.
“Mann, Saschaaaa. Das is doch nicht ö…..ökolooogisch!”
Vom Ende der Schlange ruft ein Mann, der offensichtlich auch schon auf Wahlkampf-Veranstaltungen gesprochen hat ”Das heisst aber ökonomisch!”
“Das macht 79 Cent.” Die Kassiererin hat ihre Gesprächslautstärke wiedergefunden, Sascha stellt das Tablett unter “Frisch” ab und ich beisse im Rausgehen in mein Croissant. Wie gut, dass es noch ein bisschen Gerechtigkeit auf der Welt gibt.
[...] Wie ich am Freitag feststellen musste, sind die Hierarchien im SB-Bäcker meines Vertrauens flach und durchlässig. Noch eine Woche zuvor war Saschaaaa!, der Schülerpraktikant, Vorführobjekt für eine das gesamte Ladenlokal unterhaltende Präsentation über die hohe Kunst des Tablett-Entbröselns. [...]
SB-Bäcker mit Flatscreen und DAX? “Mein” Billigbäcker hat nur die übliche Zeitungsauswahl (BILD, BILD, BILD, WAZ, RN, Sport-BILD und Kicker).
Jaha, der Flatscreen wurde dort extra zur WM angeschafft! Sonst gabs in Hamm ja kein Public Viewing…